systemische Arbeit mit "inneren Personen"

Eine eigentlich triviale Alltagserfahrung: Wir sind nicht immer gleich. Wir benehmen uns in unterschiedlichen Kontexten (Beruf, Liebesbeziehung, Freizeit…) teilweise erstaunlich anders. Und wir fühlen uns jeweils auch anders. Manchmal sind wir „Herr/“Frau im eigenen Haus“. Und immer wieder mal werden wir von uns selber überrascht, wie wütend, zärtlich, feige, erleuchtet… wir spontan agieren und gar nicht so recht wissen, wie uns da eigentlich geschieht. Und dann sind da noch die Aspekte unserer Selbst-Erfahrung, die geeignet sind, uns die Schamröte ins Gesicht zu treiben. Die „Drachen“, die „Schatten“…

Die Idee von den „zwei Seelen, ach, in meiner Brust (Goethe, Faust) - bzw. „in mir geht es zu wie in einer Republik“ (O.v.Bismarck) - ist nicht neu. In der Literatur, aber auch in philosophischen und theologischen Texten ist immer wieder die Rede von unterschiedlichen Seelen-Anteilen, die ein gewisses Eigenleben zu führen scheinen und die heftige Konflikte, aber auch außergewöhnlich kraftvolle und erfüllende Erlebnisse hervorrufen.

Relativ neu aber ist es, diese Seelenanteile wie eigenständige innere „Personen“ zu betrachten, so dass ein konkreter Mensch wie eine „Gruppe“ (ein „System“) wechselseitig aufeinander bezogener oder teilweise auch voneinander isolierter „innerer Personen“ erscheint. Deren jeweiliges (Nicht-) Zusammenwirken macht dann die Gesamtverfassung dieses konkreten Menschen im jeweiligen Moment aus.

In der Psychotherapiewelt gibt es mittlerweile unterschiedliche Modelle und methodische Ansätze, die mit der Idee des „Inneren Systems“ arbeiten. Zum Beispiel:

-  „Voice Dialogue“ (H. und S. Stone)
-  „Individualsystemik (A. und V. Wittemann)
-  „Ego States“ (J. und H. Watkins, J. Peichl)
-  „Inner Family Systems“ (R. Schwartz)
-  „Inneres Team“ (F. Schulz v. Thun)
-  „hypnosystemische Teile-Arbeit“ (G.Schmidt)
-  „Big Mind – Big Heart“ (Genpo Roshi)
-  „Psychosynthese“ (R. Assagioli)

Diese Ansätze divergieren teilweise erheblich. Worum es nach meiner Überzeugung aber grundsätzlich immer geht bzw. gehen sollte, ist, die „inneren Personen“ in ihrer Bedeutung für das ganze „innere System“ kennen zu lernen und tiefer zu verstehen. Also:

  • Welcher Seelenanteil ist genau JETZT (!!!) „on“ oder „off“ oder auf „stand by“?
  • Wie wirkt sich das auf meine Gesamtverfassung aus (Stimmung, Kontakt, Handlungsimpulse, Vermeidungstendenzen usw.)?
  • Wie lässt sich ein Milieu erschaffen, das eine heilsame Selbstregulation/Selbstorganisation ermöglicht?
  • Welche Essenz-Qualitäten beginnen sich zu entfalten, wenn eine „innere Person“ sich in ihrem So-Sein tief verstanden, geachtet und gewürdigt fühlt?
  • Und wo ist evtl. eine klare innere Abgrenzung (z.B. gegen familiensystemisch übernommene Anteile) nötig?

Ziel sollte ein besser gelingendes, situationsadäquates Zusammenspiel der „inneren Personen“ sein, etwa wie bei einem Orchester, das – von Moment zu Moment – variantenreich „seine Musik“ in der jeweiligen Situation spielt.

Meine Frau Katharina und ich haben, angeregt durch langjährige Selbsterfahrung und Ausbildung (u.a. bei V. und A. Wittemann) und durch viele Begegnungen mit Annette Kaiser, eigene Stile der Arbeit mit „inneren Personen“ entwickelt. Katharina arbeitet viel im klassischen 1:1-setting, das eine gewisse Nähe zur Aufstellungsarbeit hat. Ich integriere die Arbeit mit „inneren Personen“ in die Focusing-Konzepte (Freiraum, „self-in-presence“, heilsame innere Beziehung, Felt Sense).

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